Mut tut gut

Für sich einstehen.

Das ist das großartige und wichtige Thema, das sich die Journal Gruppe für den Oktober ausgesucht hat. Erinnert Ihr Euch, wie wir alle nickten, erleichtert (?), als M. vorschlug, dass wir uns vier Wochen mit der Frage beschäftigen, wie wir mehr zu uns stehen können? Wie wir unseren Platz behaupten? Grenzen setzen? Nein sagen – oder Ja? Um kraftvoll wir selbst sein zu können?

Offensichtlich haben wir da alle noch Nachholbedarf. Wenn auch auf ganz verschiedene Weise, wie ich vermute.

Erste Erfahrungen zu unserem Thema habe ich in dieser Woche bereits gesammelt. Meine Erkenntnis: Wer zu sich stehen will, braucht viel Mut. Und zwar nicht nur den Mut, auf Berge zu steigen, einen neuen Job zu starten, die Flugangst zu überwinden oder in einen tiefen See zu springen.

Das kann ich. Wenn auch manchmal mit Heulen und Zähneklappern. Als ich damals für ein halbes Jahr nach New York wollte, um in einer Foodbank in einem Armenviertel zu arbeiten, war ich mutig. Das spürte ich am Abend vor dem Flug, im Kino, als ich David Lynchs „Blue Velvet“ sah, um mich einzustimmen. Am nächsten Tag im Flugzeug heulte ich zwei Stunden lang und stieg mit weichen Knien am JFK-Airport in den Train zum Grand Central Station, weil ich auf einmal schiere Panik vor dem düsteren, brutalen Amerika aus dem Film vom Vorabend fühlte.

Nicht zu unrecht: New York war damals eine Stadt, in der Parks noch Refugien für Junkies und Crackheads waren, in der man vor dem Bankautomaten zähe Verhandlungen mit Bettlern führen musste, in der man selbst in gehobenen Wohnvierteln damit rechnen musste, beim Nachhausekommen in den Lauf von Pistolen zu gucken. So jedenfalls beschrieb es die Süddeutsche Zeitung (6.11.2013): Es war die Zeit vor dem großen Aufräumen der Bürgermeister Bloomberg und Giuliani, die aus dem Moloch eine Metropole machten, nicht ohne dass Menschen, arme vor allem, dafür einen hohen Preis zahlen mussten.

New York von oben

Doch meine jugendliche Neugier und das Gefühl der Unverwundbarkeit machten mich stark. Ich schlief die erste Nacht im Keller von Unbekannten, neben einer dröhnenden Heizung. Die Foodbank hatte für diese Unterkünfte gesorgt: Nur nicht besonders gut. Als ich mich nach einer anderen Unterkunft umsah, landete ich zunächst auf dem staubigen und muffigen Dachboden einer WG. Immerhin. Mutig fragte ich weiter nach günstigem Wohnraum und so lernte ich in den Wochen und Monaten ganz unterschiedliche Quartiere und Menschen kennen.

Eine Weile lebte ich – die ich unter einer Tierhaarallergie leide – bei einer wunderbaren Frau aus dem Senegal und ihren sechs Katzen. Tränende Augen und Hustenanfälle nahm ich gern in Kauf, doch im Waschsalon um die Ecke bedrängte mich eines Abends ein riesiger Schwarzer, erst mit Blicken, dann mit Worten, dann mit Annäherungsversuchen, die stoppten, als ich mit Stift und Papier wie wild in mein Tagebuch zu schreiben begann. Konsterniert verließ er nach zwanzig Minuten den Waschsalon. Wer weiß, wovor mich mein Journal damals gerettet hat.

Haarig und süß: Katzen

Am Ende meiner New Yorker Zeit wurde mein Mut märchenhaft belohnt: Eine Ehrenamtliche der Foodbank lud mich ein, bei ihr zu wohnen. Ich rechnete mit Keller, Dachboden oder Katzen, doch sie hatten eine Küche von 200 Quadratmetern, mit einem Kühlschrank so hoch wie ein Sprungturm. Das Bad hatte Glaswände und war wie der Rest des Hauses mitten in den Wald gebaut. Ein Baum – ungelogen! – wuchs quer durch den Raum und streckte seine Krone in den Himmel. In der Garage standen Porsche und Mercedes einträchtig nebeneinander. Ich hatte nun beide Extreme des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten kennen gelernt.

Mut begleitet mich durchs Leben. Ich kann mutig sein, wenn es um meine Kinder geht. Du kämpfst wie eine Löwin bescheinigte mir eine Bekannte, als ich nach einem passenden Kindergarten suchte und einen nach dem anderen ablehnte, weil mir die Kindergärtnerinnen uninspiriert, das Konzept veraltet, oder die Räume zu traurig erschienen.

Und Mut habe ich schließlich, wenn es darum geht, Neues zu wagen. Ich kündigte Festanstellungen, schlug Stipendien und Job-Angebote aus, die frau eigentlich nicht ablehnen kann. Das alles, weil ich nicht gegen ein Gefühl ankam, ich sei noch nicht angekommen. Ich sei noch nicht die, die ich sein sollte. Ich sei noch nicht in meinem Element.

Mutig sein ist also eigentlich nicht mein Thema?

Falsch. Es ist ein anderer Mut, den ich heute kultivieren möchte und muss. Einer, der richtig viel Mut erfordert. Mehr Mut, als ich bisher brauchte, so scheint es mir. Es ist der Mut, den es kostet, wenn ich Grenzen gesetzt bekomme. Nicht von anderen, sondern von mir selbst.

Letzte Woche war es wieder so weit, eine Lektion zu lernen. Es begann damit, dass ich gegen einen Laternenpfahl fuhr, während ich versuchte, meinen erschrocken bellenden Hund vor einem Auto zurück zu reißen. Es gelang mir, allerdings auf Kosten des Gleichgewichts, so dass ich schmerzhaft Kontakt mit hartem Metall bekam. Ich strauchelte, das Fahrrad fiel, ich fing mich gerade noch und hielt währenddessen die Hundeleine fest in der Hand.

Frieda war nichts passiert. Mir scheinbar auch nicht. Zurück am Schreibtisch ging ich zur Tagesordnung über. Gab sogar einen Schreibsalon auf Zoom. Dann fühlte ich den Schock.

Vielleicht war das der Auslöser dafür, dass gestern meine Arme zu jucken begannen, ähnlich wie vor einigen Monaten. Da waren auf meiner Haut Ekzeme explodiert, so dass ich einige Wochen im Hospital verbringen musste.

Und dann heute morgen noch ein professioneller Schock: Aus dem writers‘ studio erhielt ich aufgeregte WhatsApps, wo ich denn bleibe. Mein Workshop habe schon begonnen. Ich war fassungslos: In meinem Kalender hatte ich den Workshop fälschlicherweise für den Tag danach eingetragen. Ich hatte meine Kolleginnen in Aufruhr versetzt, die angemeldeten Journal-Schreiberinnen enttäuscht und mein feines Konzept zum Thema Ernte, auf das ich mich gefreut hatte, konnte ich ad acta legen.

Jetzt musste ich es mir eingestehen: Meine Grenze ist erreicht. Bis ich das verstanden hatte, mussten das Schicksal drei Anläufe machen. Erst als andere unter meiner Überforderung zu leiden hatten, wachte ich auf. Wahrscheinlich bin ich glimpflich davon gekommen.

So nehme ich mir für den Oktober vor, mutiger für mich einzustehen. Meine Grenzen zu erkennen. Und sie zu achten. Ich werde anderen sagen, wenn es mir zu viel wird. Andererseits werde ich mutig ja sagen, wenn ich glaube, das ich etwas machen möchte und kann. Darüber will ich jeden Tag schreiben. Ich will beobachten, ob und wie ich mir treu sein kann. Und so immer geübter werden. Auf die Erfahrungen bin ich schon sehr gespannt.

Ich denke, sie brauchen viel Mut.

2 Kommentare zu „Mut tut gut“

  1. Liebe Birgit,

    Danke für deinen berührenden Blog-Artikel, deine ehrlichen Worte und persönlichen Erzählungen – ich freue mich sehr aufs gemeinsame Nachentfalten im Oktober.
    GLG Marion

    1. Liebe Marion,
      danke für die Rückmeldung. Gerade wenn frau sehr persönlich schreibt, tun Worte wie Deine gut.
      Ich experimentiere munter weiter mit dem Mut, für mich einzustehen – und stelle fest, dass es mich Stück für Stück zufriedener macht.
      Freu mich aufs nächste Treffen, Birgit

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