Spielräume nutzen im Mai: „Let’s-play!“

 „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

– Friedrich Schiller –

Spielräume sind unser Motto für den Mai. Das passt natürlich großartig zu der Aussicht auf wärmere Temperaturen und auf die Hoffnung, dass wir alle bald mehr Freiräume zurückerobern können.

Spielräume – das ist auch ein Konzept aus meinem Buch „Schreiben zur Selbsthilfe“ und bezeichnet den Möglichkeitsraum, in dem wir die Eindrücke der Welt verarbeiten, verwandeln und uns selbst gleich ein wenig mit. Die Idee, auf die ich mich beziehe, stammt von einem Psychiater namens Donald W. Winnicott, der damit einen Inkubationsraum beschrieben hat. Uns darin zu tummeln, hilft dabei, gesund zu bleiben, uns immer wieder auszurichten, neue Erfahrungen zu integrieren und zu entlasten.

Immer wenn wir Journal schreiben, betreten wir diesen Spielraum und können unsere Möglichkeiten spielerisch ausloten – wenn wir wollen.

Doch nicht nur aus psychologischer, auch aus kulturhistorischer Sicht können wir auf das Spielen blicken und seine Bedeutung beschreiben: Etwa wenn wir Johan Huizinga zurate ziehen. Er prägte den Begriff Homo ludens und schrieb, dass Menschen ihre kulturellen Fähigkeiten vor allem übers Spielen entwickelten. All unsere Eigenschaften und Erfahrungen, die uns zu einer eigenen Persönlichkeit werden ließen, entstünden beim Spielen. Das Spiel ermögliche es uns, die Zwänge der äußeren Welt zu erfahren und gleichzeitig zu überschreiten.

Zu spielen bedeutet – und damit wäre Huizinga wahrscheinlich ebenso einverstanden wie Winnicott – dass wir ausnutzen dürfen, was uns an Raum zur Verfügung steht, wir dürfen darin über die Stränge schlagen und vielleicht dürfen wir den Raum sogar weiten.

Let’s play and explore!

Für Brené Brown, Sozialwissenschaftlerin, gehört „Let’s play“ zu einem von zehn Wegweisern für ein authentisches, reiches und buntes Leben. Sie zitiert den Psychiater Stuart Brown, Forscher und Gründer des Nationalen Spielinstituts in den USA. Auf Basis seiner eigenen Studien und jener von Biologen, Psychologen und Neurologen glaubt er, dass „Spielen unser Gehirn formt, dass es uns hilft, Empathie zu fördern und komplexe soziale Gruppen zu lenken. Außerdem steht es im Zentrum von Kreativität und Innovation.“

Letzteres leuchtet sofort ein. Spielen ist absichtslos (die einzige Absicht ist vielleicht, dass wir Spaß haben). Gerade deshalb entdecken wir Neuland, geraten in Flow und fließen mit in Ideenwelten, die uns bislang verschlossen waren. Beim Spielen, so meine Erfahrung, schweigt auch oft der innere Kritiker still, und so können Weisheiten aus der Tiefe ins Bewusstsein dringen und Gedanken, die dem Kritiker nicht behagen, können sich in Bildern, Szenen und Worten formieren.

Zum Schluss möchte ich noch mal Stuart Brown, den Spieleforscher, zu Wort kommen lassen. Er erklärt, warum es uns schadet, wenn wir keine Gelegenheit zum Spielen finden:

„Das Gegenteil von Spielen ist nicht Arbeit – das Gegenteil ist Depression. Unser biologisch einprogrammiertes Spielbedürfnis zu respektieren, kann unsere Arbeit transformieren und Begeisterung und Frische zurückbringen. Das Spielen hilft uns, mit Schwierigkeiten fertig zu werden, es vermittelt uns ein Gefühl der Ausdehnung, es fördert unser Können in der gewählten kreativen Aktivität und ist ein wesentlicher Bestandteil des schöpferischen Prozesses. Was noch wichtiger ist: Wahres Spielen, das aus unseren inneren Bedürfnissen und Wünschen heraus entsteht, ist der einzige Weg, um dauerhaft Freude und Befriedigung in unserer Arbeit zu finden. Langfristig betrachtet, funktioniert die Arbeit ohne das Spielen nicht.“

Quelle: Stuart Brown und Christopher Vaughan, Play: How it Shapes the Brain, Opens Imagination, and Invigorates the Soul (New York: Penguin Group, 2009).

Braucht Ihr noch mehr Gründe, um diesen Monat spielerisch anzugehen?

Zu guter Letzt nun doch noch eine Anekdote aus meiner eigenen Geschichte: „Ich möchte mitspielen“, war ein Satz, den ich vor zwanzig Jahren häufig gedacht habe. Ich hatte das Gefühl, nicht authentisch zu leben, meinen Beitrag nicht zu leisten, nicht die Rolle auszufüllen, die ich ausfüllen wollte. Was das genau war, dass musste ich erst herausfinden. Seitdem schreibe ich Journal und nutze seinen Spielraum, um immer wieder zu erkunden, wer und wie ich bin und sein will, was es zu verarbeiten gilt und wie ich das Gefühl bekomme, das ich mitspiele. „Slowly but certainly, I seem to get the hang of it“ – langsam oder sicher, krieg ich raus, wie authentisch Leben für mich geht.

Es heißt: Mitzuspielen – nicht unbedingt, um zu gewinnen und meinetwegen auch, um mal zu verlieren. Dafür aber einen Platz im Leben zu finden, im Kreis von Menschen, einer Gesellschaft, einer professionellen Gemeinschaft, die mir etwas bedeutet. Das alles bedeutet Mitspielen und das ist ein echtes Glück für mich.

Darum lade ich Euch diesen Monat voller Freude ein: Let’s play!

Herzlich
Eure Birigt

2 Kommentare zu „Spielräume nutzen im Mai: „Let’s-play!““

  1. Danke für deine persönliche und wissenschaftlich fundierte Einladung zum Spielen – ich bin dabei – let’s play. GLG Marion

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